MARIE-LUISE FREY

CHORGEWAND(T)

Mit ihrer textilen Intervention bezieht sich die Künstlerin auf die Raumausstattung
der Universitätskirche, die auf Karl-Bernhard Ritter und die Berneuchener Bewegung
zurückgeht. Auf deren sakrale Architektur- und Symbolsprache reagiert
die Künstlerin mit silbrig schimmernden Stoffbahnen, die vom Lettner aus in den
Kirchenraum hinunterfließen. Sie verbinden visuell den monumental aufragenden
metallischen Orgelprospekt mit dem tief darunter liegenden Kirchenschiff.
Während der Liturgie umkleidet den Altar ein transparentes Gold-Gazegewebe.
Der Gottesdienst wird von Thomas Erne und Studierenden aus seinem Homiletik
Seminar mit einer szenischen Lesung eines Textes von Marie-Luise Kaschnitz über
Adam und Eva und das Paradies gestaltet.
Gottesdienst: 25. Januar 2015
Konzept und Installation: Marie-Luise Frey
Predigt und Liturgie: Prof. Dr. Thomas Erne
Musik: Gerold Vorrath (Orgel), Katharina Scholl (Gesang)
und René Thun (Gitarre)
Fotos und Bildrechte: Institut für Kirchenbau und kirchliche Kunst der Gegenwart

DIE KUNST IST DAS STÜCK PARADIES, DAS UNS DIE ENGEL ÜBER DIE MAUER WERFEN – HIER IST ES DIE KUNST VON MARIE-LUISE FREY.

Thomas Erne

 

LITURGY SPECIFIC ART
Wie verändert sich Kunst, wenn sie in einer Kirche angeschaut wird? Wandelt sich auch der Kirchenraum, wenn er zum Ort einer künstlerischen Performance wird? Wird eine Kirche zeitweise nicht nur zum Ort für Gegenwartskunst sondern auch zu ihrem Material, entsteht eine Verbindung, die wir Liturgy Specific Art (LSA) nennen. LSA lädt Künstler*in, Liturg*in, Gäste und Gemeinde zum Experiment ein. Sie arbeiten an einer dynamischen Form die den Vollzug betont, das Ereignis, nicht das Ergebnis. LSA greift dabei die Idee ortsspezifischer Kunst (site specific art) auf und erweitert sie um performative Interventionen: Die Religionsperformance des Gottesdienstes verschränkt sich mit künstlerischen Performances. Diese künstlerischen und liturgischen Aktionen werden miteinander entwickelt. Sie beziehen sich in jedem LSA auf neue Weise aufeinander, verlaufen gemeinsam oder nebeneinander, entwickeln Verbindungen, Kontraste oder Spannungen. Die Vorbereitung mit (der Liturgin) Katharina Scholl war ein Miteinander und manchmal auch ein bisschen gegeneinander. Es war ein Konkurrieren und gleichzeitig ein aufeinander Aufbauen“, sagt die Künstlerin Dorothea Seror (LSA „Pein“, 2013). Für Künstler*innen bedeutet ein LSA, sich in einem religiös determinierten Raum auf gottesdienstliche Abläufe und ein neues Publikum einzulassen. Dadurch steht ihre Kunst in einem neuen Deutungsrahmen, den sie aufgreifen und transformieren. Die Gottesdienste entwickeln sich anders, lebendig, dynamisch, riskant, wenn Künstler*innen beteiligt sind. Liturgie wird zum offenen Spiel mit den Möglichkeiten der ästhetischen und der religiösen Daseinsweitung, sehr oft beglückend, mitunter aber auch ziemlich irritierend“, sagt dazu der Liturg Thomas Erne (2020).

Aus theologischer Sicht erweitert LSA die Liturgie und den Kirchenraum um sinnliche Elemente, die eine verdichtete und gewandelte Erfahrung von Performanz, Raum und Kunst ermöglichen können. Die frühgotische Marburger Universitätskirche mit ihren expressionistischen Umbauten bietet einen spannungs- und bedeutungsreichen Rahmen, an dem die Gegenwartskunst gemeinsam mit der Liturgie im LSA arbeitet und den Kirchenraum damit stetig in Wandlung versetzt. Der diesjährige Kalender 2021 Liturgy pecific Art – Wandlung einer Kirche zeigt eine Auswahl von LSAProjekten, die das ISnstitut für Kirchenbau und kirchliche Kunst der Gegenwart mit Künstler*innen in der Marburger Universitätskirche in den letzten zehn Jahren initiiert hat. Zu jedem LSA ist ein dokumentierender Film entstanden. Alle Filme sind auf unserer Website zu sehen: kirchbauinstitut.de/lsa/