MARIENBERGER VEREINIGUNG
 für evangelische Paramentik e.V.

Aus der Geschichte der evangelischen Paramentik

Wenn wir zum 150. Bestehen der Paramentenwerkstatt Neuendettelsau zusammen gekommen sind, dann stehen wir damit am Anfang der evangelischen Paramentik. Wilhelm Löhes Diktat „vom Schmuck der heiligen Orte“ ist der Beginn. Wir freuen uns, dass es nun nach fast 60 Jahren wieder in einer kommentierten Neuedition vorliegt.

Nur so viel dazu: Löhe trug seine grundsätzlichen Überlegungen nicht in einem Vortrag vor, auch nicht in einer Publikation, sondern er diktierte sie den Diakonissen an mehreren Tagen. Wenn man einen Text einmal abgeschrieben hat, dann hat er sich auch ins Gedächtnis eingeprägt, ganz anders, als wenn man ihn nur hört. Wenn er einem aber diktiert wird, dann muss man zusätzlich viel genauer zuhören. So nimmt man das Ganze wirklich auf.

Wir wollen jetzt den Weg verfolgen, den diese Anregungen Löhes nahmen, denn dieses Diktat war eine Initialzündung und hatte weitreichende Konsequenzen. Es erfolgte 1858 die Gründung der Paramentenwerkstatt in Neuendettelsau, die noch zwei Zweigvereine in Augsburg (1868) und Erlangen (1871) errichtete. 1862 wurde der Niedersächsische Paramentenverein im Kloster St. Marienberg in Helmstedt gegründet und danach folgten zahlreiche Diakonissenmutterhäuser, in Berlin, Breslau, Darmstadt, Dresden, Düsseldorf-Kaiserswerth, Eisenach, Flensburg, Frankfurt/Main, Hamburg-Altona, Hannover, Heiligengrabe, Karlsruhe, Mitau in Ostpreußen, Ludwigslust, Rudolstadt, Rotenburg, Witten. So gab es in nicht weniger als 19 Diakonissenmutterhäusern Werkstätten, zu denen noch fünf in anderer Trägerschaft kamen.

Eine besondere und führende Rolle nahm dabei St. Marienberg in Helmstedt ein. Das 1176 gegründete Kloster bestand auch nach Einführung der Reformation 1569 – wie 21 andere Klöster in Niedersachsen – weiter. Es war ein Damenstift mit sechs Konventualinnenstellen, die von der Regierung mit bedürftigen Offiziers- und Beamtentöchtern besetzt wurde. Die Priorin mit dem Titel Domina kam stets aus der Familie von Veltheim.

Die sehr tatkräftige Domina Charlotte von Veltheim gründete im Kloster ein Krankenhaus und eine Schule und nahm Kontakt zu Wilhelm Löhe auf. In zahlreichen Briefen tauschten sie sich über grundsätzliche und praktische Fragen der Paramentik aus. Es ist höchst bedauerlich, dass dieser Briefwechsel nicht erhalten ist. Er wurde, wie die ganze Korrespondenz, auf Wunsch der Verfasserin nach ihrem Tode 1911 verbrannt. Dabei wäre es für uns sehr interessant, zu erfahren, worüber korrespondiert wurde. Es ist ja anzunehmen, dass die Domina das Diktat Löhes Vom Schmuck der heiligen Orte kannte, so dass hier vermutlich weitergehende Fragen behandelt wurden.

1862 gründete Frau von Veltheim zusammen mit Gräfin Anna von der Schulenburg in Helmstedt den Niedersächsischen Paramentenverein. Ab 1864 wurde in jedem Jahr, bis 1902, ein Paramententag dieses Paramentenvereins abgehalten. Wir würden dies heute als eine innerbetriebliche Fortbildungsmaßnahme bezeichnen. Auch die Leiterin der Paramentik Neuendettelsau, Schwester Sarah Hahn, nahm ab 1865 in jedem Jahr daran teil.

Im Jahr 1885 wurde im Kloster St. Marienberg ein allgemeiner Paramentenkongress durchgeführt, an dem alle bis dahin bestehenden Paramentenvereine, insgesamt acht, teilnahmen. Leider wissen wir keine Einzelheiten darüber, aber der Gedankenaustausch und das Gespräch miteinander waren notwendig.

Vergegenwärtigen wir uns doch einmal die Lage: Wenn ein Diakonissenhaus beschloss, Paramente herzustellen, dann stand man vor einer Menge von Schwierigkeiten. Es gab ja keine Ausbildung, man musste also eine Schwester finden, die besonders gut in Handarbeiten war. Die brauchte Material und wenn es bei der praktischen Arbeit Probleme gab, konnte sie mit niemandem darüber reden, denn in der Regel arbeiteten nur eine Schwester oder zwei in diesem Bereich. Gedanken- und Erfahrungsaustausch war also dringend notwendig. Entwürfe für die Paramente fertigte für Helmstedt und Neuendettelsau Martin Eugen Beck, der in seinem Geburtsort Herrnhut von 1833 bis 1903 lebte und der auch ein Buch Evangelische Paramentik schrieb, in dem er allerdings nicht auf Löhe fußt, sondern die Paramentik im Bereich der häuslichen Handarbeit ansiedelt.

Auch mit den Theologen, die sich mit den Fragen der Gestalt der Kirche beschäftigten, hatte man Kontakt und Austausch, so z.B. mit dem sächsischen Pfarrer Lic. Moritz Meurer, der 1867 ein Buch mit dem Titel Altarschmuck. Ein Beitrag zur Paramentik der evangelischen Kirche veröffentlichte.

Aufträge hatte man viele, denn gegen Ende des 19.Jahrhunderts entstanden vor allem in den Städten zahlreiche Kirchen. Das endete mit dem ersten Weltkrieg.

Nach dem Ende der Inflation fand 1924 in Marienberg ein Paramententag statt, an dem Vertreterinnen der meisten Werkstätten teilnahmen, um die Situation zu erörtern und Wege in die Zukunft auszuloten. Theologen und Künstler hielten Referate und diskutierten mit den Paramentikerinnen, darunter der bekannte Maler Professor Rudolf Schäfer. Man beschloss die Gründung eines Zusammenschlusses mit dem bis heute gültigen Namen Marienberger Vereinigung für evangelische Paramentik e. V. Den Vorsitz übernahm Gräfin Gertrud v.d. Schulenburg, der 1927 Irmentraud v.d. Schulenburg folgte, die das Amt bis 1978 inne hatte. Im Vorstand waren immer auch eine Theologe und ein Künstler, über lange Jahre schon erwähnter Rudolf Schäfer.

Man beschloss, aller zwei Jahre einen Paramententag durchzuführen. Der erste war 1926, verbunden mit einer Ausstellung neuer Arbeiten der Werkstätten. Man war sich einig, dass die schwierige finanzielle Situation der Werkstätten verbessert werden müsste und dass schon die Theologiestudierenden etwas über die Paramentik erfahren müssten – zwei Probleme, welche die Paramentik immer gehabt hat und auch wohl immer haben wird.

Vor allem aber diskutierte man intensiv die Frage, wie die Paramentik den Anforderungen der Gegenwart genügen kann. Das Ende des 1.Weltkrieges war ja, im Unterschied zum Ende des 2.Weltkrieges, ein gewaltiger Einbruch, der grundlegende Veränderungen auf sehr vielen Gebieten mit sich brachte. Es wurde nicht nur die Monarchie durch die Demokratie abgelöst. In der Theologie begann 1919 mit dem Römerbriefkommentar von Karl Barth etwas vollkommen Neues, und im Bereich der Kunst bedeutete das Bauhaus und seine Formen das Ende des Historismus und des Ornaments. Dieses beides hatte aber natürlich auch die Paramentik geprägt und beherrscht. Man wusste nicht, wie man weitermachen sollte. Und man sah sich um.

Im selben Jahr 1926 fuhr die Conventualin Magdalene Beer, die seit langem in der Paramentik in Marienberg arbeitete und „Werkführerin“ war, nach Offenbach zu Rudolf Koch. Er war dort Professor an der Kunstgewerbeschule, entwickelte zahlreiche Schriften, hatte eine „Schreibstube“ und eine eigene Werkstatt für kirchliches Gerät, war ein überzeugter Christ und eine „von Lebendigkeit sprudelnde Persönlichkeit“, wie es in einem Nachruf heißt, mit dem Grundsatz der Materialechtheit und Handarbeit.

In einem langen Gespräch überzeugte Rudolf Koch Magdalene Beer davon, dass der bisherige Weg nicht weiter gangbar ist. Also: nicht mehr Arbeit mit Tuch, Samt und Applikation, sondern nur noch mit selbst gesponnenem und gewebten Leinen, Sticken mit Nonnenstich, Färben mit Pflanzenfarben, Verwendung von Symbolen und Schrift.

Das war ein totaler Einschnitt, und Magdalene Beer erzählte mir davon noch fünfzig Jahre später ganz bewegt, und dass sie vor der Heimfahrt auf dem Bahnsteig bitterlich geweint hat. Aber: in Marienberg ging man nun entschlossen diesen neuen Weg. Vor dieser Entscheidung habe ich großen Respekt, denn wer wagt es schon, gewohnte und Iiebgewordene Bahnen zu verlassen und nun alles vollkommen anders zu machen?

Der enge Kontakt mit Rudolf Koch blieb bis zu seinem Tod 1934. Er gehörte dem Vorstand der Marienberger Vereinigung an, wie schon länger der Maler und Bibelillustrator Rudolf Schäfer, dessen bis heute bekannte und verbreitete Schäferbibel 1922 entstand.

Wenn ich jetzt sage, dass mit diesen beiden Männern zwei führende Künstler der Zeit in der Paramentik mitarbeiteten, dann wundern Sie sich vielleicht, denn wir verbinden die 20er Jahre des 20. Jahrhunderts mit ganz anderen Künstlernamen – Klee, Kandinsky, Nolde, Schmitt-Rottluff und so weiter, den Vertretern der heute so genannten Klassischen Moderne. Deren Werk lag aber außerhalb des Blickes der Paramentikerinnen, die ihre Arbeit nicht als Kunst, gleich gar nicht als autonome Kunst sahen, sondern als kirchlichen Dienst und die sich deshalb an anerkannten Vertretern der kirchlichen Kunst orientierten.

Koch und Schäfer vertraten ja selbst unterschiedliche künstlerische Positionen. Ich bedauere sehr, dass das Protokollbuch der Marienberger Vereinigung nur Ergebnisprotokolle enthält. Es wäre hochinteressant, Genaues über die Diskussion beider Männer zu erfahren. Ein direkter Einfluss Schäfers auf die Gestaltung in der Paramentik ist nicht zu sehen, wohl aber der von Koch.

Auf seine Anregung hin wurde 1928 ein dreijähriger Ausbildungsgang zur Paramentikerin geschaffen und amtlich anerkannt. Im folgenden Jahr wurden eine Spinn- und eine Webstube eingerichtet und die beiden Paramentikerinnen in Marienberg, Magdalene Beer und Anna Hosbach, machten die Meisterprüfung als Stickerinnen. Das Kloster St. Marienberg wurde zur zentralen Ausbildungsstätte für die Paramentik. Bis 1974 hat Schwester Anna insgesamt 42 Lehrlinge und eine Reihe von Meisterinnen ausgebildet. Alle waren und sind dem Kloster bis heute verbunden. Alle haben gute und auch weniger gute Erinnerungen an die Zeit im Kloster. Warum? Um das zu verstehen, muss man etwas über das Kloster wissen.
Wenn man von Westen auf der Bundesstraße 1 nach Helmstedt fährt, sieht man linker Hand auf einem Hügel die hochaufragende romanische Kirche von 1256. Vom Kloster des Augustiner-Chorfrauenstiftes ist nichts zu sehen, denn aus Gründen der Sicherheit hat man den Kreuzgang und die ihn dreiseitig umziehenden Gebäude nicht wie üblich auf der Südseite der Kirche errichtet, sondern, von der Straße her nicht sichtbar, im Norden.

Durchschreitet man die große Pforte im nördlichen Flügel, dann steht man in einem riesigen Treppenhaus, in das mindestens ein Reihenhaus passen würde, mit einer steilen Treppe, vor der man sich klein und winzig vorkommt und unwillkürlich verstummt. So ging es mir beim ersten Besuch, und noch stärker empfanden das die ankommenden Lehrlinge. Man ist in einer ganz besonderen Atmosphäre, eben in einem Kloster. Der Tag war gegliedert durch die Tagzeitengottesdienste (Matutina, Antemeridiana, Vespertina, Completarium), für die sich die Domina v. Veltheim schon 1865 Anregungen von Löhe erbat und erhielt (Brief vom 24.8.1865, in Löhe, GW VII/2, S.766f.).

Im Erdgeschoss rechts ist der große Paramentensaal, 1883 im Stil der Zeit holzgetäfelt ausgebaut und dunkel. Vor den tiefen Fensternischen waren die einzelnen Arbeitsplätze, und es herrschte völlige Ruhe. Alles war streng geordnet. Die große Schere z.B. lag in der dritten Fensternische und musste nach Gebrauch sofort zurück gebracht werden. Im Seitenflügel ist unter anderem der Raum, in dem die Wolle gefärbt wird. Schwester Anna thronte in der Mitte und hatte alles im Blick, hinter ihr erledigte Frl. v.d. Schulenburg die schriftlichen Arbeiten.

Auf der linken Seite des Treppenhauses liegt die ehemalige Pförtnerei, mit einer Nische, in der ein großer runder Tisch steht, an dem die Vorstandssitzungen stattfanden – unter den fast lebensgroßen Fotos des letzten braunschweigischen Herzogspaares. Dahinter sind Speisesaal und Küche. Die spartanisch einfachen Mahlzeiten wurden schweigend gegessen. Strenge Zucht und Ordnung herrschten, denen sich die Lehrlinge unterwerfen mussten, die ja nicht aus klösterlichen Gemeinschaften kamen, so etwas überhaut nicht gewohnt waren und das Kloster praktisch nicht verlassen durften. Aber die Ausbildung, bei der auch manche Träne floss, war doch so, dass alle gern bei der Sache waren und durchhielten.

1934 erarbeitete Rudolf Koch gemeinsam mit dem Vorstand der Marienberger Vereinigung den Text einer umfassenden, aber dabei doch knappen Handreichung, die nach dem Tode Kochs 1935 erschien. Der Titel der Schrift mit 24 Seiten lautet: Heiliger Schmuck. Von der Herrichtung der gottesdienstlichen Stätten und wurde herausgegeben von dem Erlanger Professor für Praktische Theologie Friedrich Ulmer. Knapp, aber deutlich werden Fragen beantwortet: In welchem Sinne will die Paramentik arbeiten? Welche Arbeitsverfahren gebraucht die Paramentik? An welchen Einzelaufgaben arbeitet die Paramentik? Wie kennzeichnet die Paramentik, was zum heiligen Gebrauche bestimmt ist? Aus welchen Schriften kann man Näheres über die Paramentik erfahren? Wer arbeitet in der Paramentik?

Die letzten Zeilen lauten: „Wer nun vom Wesen echter Paramentik wenig berührt ist, der bringt ins Gotteshaus, ja zwingt ihm auf, was ihm persönlich gefällt und womit er seine Kunstfertigkeit an den Tag legen kann, zum Beispiel aus dem Gebiet der im engeren Sinne sogenannten ,weiblichen Handarbeiten’. Wer dagegen den Geist echter Paramentik in sich hat, der wird in solchem Falle seinem eigenen Können eher wenig als zu viel zutrauen. Er wird deshalb lieber nach dem Rate der Erfahrenen als nach dem vielleicht noch nicht geschulten eigenen Geschmacke sich richten und wird gut dabei fahren. Vor allem wird es ihm widerstreben, etwas ins Gotteshaus zu bringen, was schnell, bequem und mit geringen Kosten gemacht ist; eine Zeit langer, sorgfältiger Vorbereitung, ihm selbst eine Zeit der Vorfreude, wird der Würde der Arbeit nur zustatten kommen.“

1941 fand der letzte Paramententag vor dem Ende des 2. Weltkrieges statt. Erst 1949 war dann wieder eine Vorstandssitzung, in der wegen der schlechten Finanzlage der Werkstätten die EKD um Zuschüsse gebeten wurde. Man sah sich kaum noch in der Lage, die Last der Ausbildung zu tragen.

1954 fand in Helmstedt ein Paramententag statt, dessen Referate unter dem Titel Grundfragen evangelischer Paramentik veröffentlicht wurden. Man hatte führende Theologen gewonnen, so den Liturgiker Karl-Ferdinand Müller. Er sprach über Das theologische, liturgische und künstlerische Problem der Paramentik in der Lehre vom Gottesdienst. Kurt Schmidt-Claussen behandelte die liturgischen Farben. Der Leiter des Kunstdienstes der sächsischen Landeskirche, Pfarrer Dr. Christian Rietschel sprach über Altargestaltung und Kirchenbau und Professor Dr. Martin Wittenberg, Neuendettelsau, über die Symbole in der Paramentik.

Das zuletzt genannte Thema – Symbole – deutet ein Problem an, das die Werkstätten fortan beschäftigte. Man merkte nämlich, dass die auf Koch zurückgehenden Symbole und vor allem solche, die man in seiner Art neu geschaffen hatte, nicht mehr verstanden und auch abgelehnt wurden. Man hatte sich aber sehr an sie gewöhnt und verfügte mit ihnen über ein ganzes Reservoir von möglichen Motiven, auf die man gern zurückgriff, zumal die handwerklich hervorragenden Paramentikerinnen keine Ausbildung in der Gestaltung durchlaufen hatten und sich deshalb schwer taten, eigene künstlerische Entwürfe zu schaffen.

Deshalb suchte eine ganze Reihe von Werkstätten die Zusammenarbeit mit bildenden Künstlern. Einige Werkstätten arbeiteten ständig mit einem Künstler (z. B. Darmstadt mit Helmuth Uhrig, Kaiserswerth mit Kurt Wolff), andere mit mehreren Künstlern (z. B. Hannover, Henriettenstift, Stuttgart).

Das war nicht immer einfach, da sich aus technischen Gründen nicht jedes Gemälde adäquat in Textil umsetzen lässt. Hier waren lange Gespräche notwendig. In die Paramentik aber kamen ganz neue Anregungen, da nun auch nichtgegenständliche Bilder umgesetzt wurden. Die Ausstellungen bei den späteren Paramententagen regten zahlreiche, auch kontroverse Diskussionen an.

Was die Auftragslage betrifft, so hat sich die Situation in den sechziger Jahren verschlechtert. Durch die Errichtung von Mehrzweckräumen anstelle von Kirchen einerseits und dem Zurücktreten des Interesses an der Liturgik andererseits ging die Nachfrage stark zurück.

Die Teilung Deutschlands nach 1945 hat die Marienberger Vereinigung lange Zeit ignoriert. Zwar konnten nur noch wenige Paramentikerinnen aus der DDR an den Paramententagen teilnehmen, meist solche im Rentenalter, aber es bestand enger brieflicher Kontakt, es gab Besuche in der DDR und vor allem halfen die westlichen Werkstätten mit Material aus. Um den Kontakt zu intensivieren, wurde 1973 der Leiter des Kunstdienstes in Erfurt, Pfarrer Karlheinz Meißner, in den Vorstand berufen. 1980 aber mussten sich die Werkstätten in der DDR (Dresden, Eisenach, Heiligengrabe, Ludwigslust und Magdeburg) selbständig organisieren. Die Arbeitsgemeinschaft für Paramentik wurde gegründet. In ihrer Ordnung hieß es in § 1: „Die Arbeitsgemeinschaft führt in geistlicher Verbundenheit die Traditionen der Marienberger Vereinigung für evangelische Paramentik fort.“ Es war also nur eine durch die Politik bedingt eine Trennung de jure, aber nicht de facto, die bis 1991 bestand.

1974 starben die beiden Stickermeisterinnen Magdalene Beer (mit 94 Jahren) und Anna Hosbach in Helmstedt, die seit 1900 in der Paramentik gearbeitet hatten, und kurz darauf Irmentraud v.d. Schulenburg, die 50 Jahre lange 1. Vorsitzende war. Bei der notwendigen Neuwahl des Vorstandes 1978 in Hannover wurde ich zum 1. Vorsitzenden gewählt und Pastor Walther Klingenberg, Ratzeburg, zum Geschäftsführer und die Satzung aus Gründen des neuen Vereinsrechtes geändert. Aber nach wie vor lautet § 2: „Die Marienberger Vereinigung versteht Paramentik als Dienst an Wort und Sakrament. In diesem gottesdienstlichen Handeln weiß sie die Paramentik begründet und gebunden.“

1986 gelang die Wiederanerkennung der Paramentikerin als Lehrberuf, und 1989 wurde eine kirchliche Zusatzausbildung mit Prüfung eingeführt, nach dem Vorbild der Arbeitsgemeinschaft Paramentik in der DDR, die dies schon 1982 eingeführt hatte. Mich hatte die Leiterin der Darmstädter Werkstatt, Marie Margot Drescher 1967 für die Mitarbeit in der Paramentik gewonnen. Ich hielt auf dem Paramententag in Flensburg einen grundsätzlichen Vortrag über die Paramentik und wurde darauf in den Vorstand der Marienberger Vereinigung gewählt, übernahm das Amt des Schriftführers und unterstützte die Vorsitzende tatkräftig bei ihrer Arbeit.

Sind wir bisher chronologisch durch die Geschichte der Marienberger Vereinigung gegangen, so möchte ich nun systematisch geordnet die Fragen und Probleme aufzählen, mit denen wir uns seit 1978 bis zur Wahl eines neuen Vorstands 1994 beschäftigten.

Wenn ich jetzt die Stichworte nenne, werden die Paramentikerinnen unter uns lächeln oder zustimmend nicken, denn das sind samt und sonders Probleme, die die Paramentik auch heute und vermutlich auch in Zukunft beschäftigen.

Schon in der ersten Vorstandssitzung, an der ich teilnahm, sprach ich etwas aus, was zur erwähnen bis dahin verpönt war, dass wir nämlich kostendeckende Preise brauchen, die wiederum eine Kalkulation voraussetzen.

Im Kloster St. Marienberg war es nämlich üblich, dass man der Gemeinde keinen Preis nannte, sondern nur bescheiden fragte, was die Gemeinde denn zahlen könne – und die Differenz trug man selbst. Dabei gab es damals weder Sponsoren noch Fördervereine der Werkstätten. Das liegt auf der Linie von Löhe, dem die Versorgung der Gemeinden mit guten Paramenten so wichtig war, dass er hin und wieder den Preis sehr ermäßigte.
Gegen den nicht unerheblichen Widerstand der älteren Paramentikerinnen setzte ich durch, dass wir auf einem Paramententag in Stuttgart von einer Fachfrau eingehend und überzeugend über die Preisgestaltung beraten wurden.

Eng mit der Frage des Preises hängt natürlich die nach der Konkurrenz zusammen, die vor allem aus den sehr viel billigeren Versandhäusern (Assmann und Eggert) besteht. Deren Paramente weisen weder die handwerkliche Qualität auf wie die Stücke der Paramentenwerkstätten noch sind ihre Entwürfe immer überzeugend. Vor allem aber nehmen diese Paramente keine Rücksicht auf die jeweiligen Maße des Altares, an den sie gehängt werden, noch berücksichtigen sie die sonst im Kirchenraum vorhandenen Farben, mit denen sie korrespondieren sollten.

Für die Paramentikerinnen war und ist deshalb ein Besuch der Kirche, für die sie arbeiten sollen, unerlässlich. Dabei trafen sie vor allem in der Anfangszeit öfter auf sehr ungepflegte Kirchenräume und legten nicht selten selbst Hand an, sie zu säubern. In den Diakonissenhäusern waren die Paramentikerinnen sehr oft zugleich die „Kirchenschwester“, die als Mesnerin für den Kirchenraum verantwortlich war.

Altar und Kanzel erfordern beste Qualität in Gestaltung und Technik, denn sie sind immer im Blickfeld der Gemeinde, und wir wissen, dass sich Bilder tief im Unterbewusstsein festsetzen. An die Predigten wird sich ein Konfirmand (und nicht nur er) später nicht mehr so genau erinnern, aber wohl an das, was er da immer vor Augen hatte.

Als Problem wurden auch lange Zeit die Herstellerinnen von Paramenten gesehen, die außerhalb der Werkstätten frei arbeiteten. Die Marienberger Vereinigung wollte sie anfangs nicht aufnehmen, ihnen aber Beratung und Schulung gewähren, wie es auf dem Paramententag 1954 besprochen wurde. Immer öfter kamen „Freie“ auch zu den Paramententagen und stellten dort auch mit aus. Das führte zu anregenden Diskussionen, vor allem, weil die „Freien“ frei vom Ballast der Tradition waren und sich als Künstlerinnen sahen und ihre Arbeiten auch auf der Biennale der Textilkunst ausstellten. Leider scheuten die Paramentenwerkstätten vor einer Beteiligung daran.

Ein weiteres Stichwort: Paramententage. Sie wurden von allen Werkstätten (damals 13) als unbedingt notwendig angesehen und fanden ab 1978 in jedem Jahr statt, in Neuendettelsau, im Kloster St. Marienberg, Hannover, Ratzeburg, Darmstadt, Dresden und Stuttgart. Sie fanden statt trotz der damit verbundenen organisatorischen Arbeit und finanziellen Einbuße, die sich nur die größeren Werkstätten leisten konnten. Die einladende Werkstatt hatte einen erheblichen Ausfall an Arbeitszeit und damit auch Einnahmen, zumal wenn der Paramententag mit einer Ausstellung verbunden war, und die Teilnehmerinnen hatten Fahrt- und Aufenthaltskosten und für sie fielen ebenfalls Arbeitstage aus. Der Erfahrungsaustausch und die auf der Tagung behandelten grundsätzlichen und praktischen Probleme wogen aber diese Einbuße auf.

Schwierig war es immer, wenn die Werkstätten neue Arbeiten vorstellten, sei es in einer Ausstellung, sei es in Dias. Im Grunde erhoffte sich jede nur Zustimmung und Lob, während die kleinste kritische Bemerkung zu Tränen führte und somit keine weiterführende, helfende Kritik einsetzen konnte.

Zu den immer wiederkehrenden und lange diskutierten Themen gehörten stets die von Rudolf Koch 1926 gelegten Grundlagen. Kann man weiterhin seine Symbole darstellen? Darf man nur mit selbst gesponnenem und gewebtem Material arbeiten? Muss man dieses ausschließlich mit Naturfarben färben oder darf man auch chemische Farben verwenden? Das waren keine theoretischen Diskussionen, sondern das betraf die praktische Arbeit, und die Meinungen waren sehr geteilt. Aber es gab Werkstätten, die solche Fragen bereits im Sinne der Veränderung praktizierten, so dass man sich an Originalen orientieren und von Erfahrungen lernen konnte.

Ein Problem, auf das ich immer wieder hinwies, ist die Tatsache, dass die Werkstätten sich im Wesentlichen auf die Fertigung von Altar- und Kanzelbehang in einer Qualität von geradezu ewiger Haltbarkeit beschränkten. Damit nimmt man sich Möglichkeiten. Einmal wird eine Gemeinde, die so haltbare Paramente besitzt, nie darüber nachdenken, neue machen zu lassen. Man hat eben Symbole von Koch, und man hat keinen Anlass zu einer neuen Gestaltung. Und andererseits vergibt man die Möglichkeit, die liturgischen Farben in einer anderen Weise im Raum sichtbar zu machen und so den Standort im Kirchenjahr anzuzeigen.

Ich werde nie vergessen, wie ich einmal in die Kirche St. Ignazio in Rom kam und der Raum nicht die gewohnte graue Farbigkeit aufwies, sondern in rot erstrahlte. Zum Fest des Patrons hatte man an die großen Pfeiler auf allen vier Seiten lange rot Stoffbahnen gehängt und dem Raum so einen völlig anderen Charakter verliehen.

Ein anderes Beispiel: Bei der Taufausstellung 2006 hat man in den sonst einheitlich weiß erscheinenden Magdeburger Dom blaue Stoffbahnen (blau – Assoziation Wasser) zwischen die ausgestellten Taufsteine gehängt. So etwas ist leider kaum einmal sonst passiert, und deshalb freute ich mich sehr, als Frau Beate Baberske-Krohs in St. Lorenz in Nürnberg in diesem Gedenkjahr seines Märtyrertodes mehrere große, rote Stoffbahnen in die Kirche hängte. So etwas sollte viel häufiger geschehen.

Auch sollten wir uns klarmachen, dass die liturgischen Farben sich bis zur Einführung des schwarzen Talars auch in den lutherischen Kirchen am Körper des Liturgen befanden. In der katholischen Kirche versteht man ja bis heute unter Paramenten nur die Gewänder. Ihren Wegfall hat Löhe im Blick auf die liturgischen Farben durch die Paramente ersetzt.

Und noch ein Letztes: die Paramentikerin ist in der schwierigen Lage, dass sie ihrer potentiellen Kundschaft erst einmal klar machen muss, dass sie Paramente braucht, und zwar nicht irgend welche, sondern solche, die ihrem Ort angemessen sind – nicht nur im technischen, sondern auch im theologischen Sinn. Glaube braucht nicht nur Worte, sondern auch Gestalt, und das wissen leider viele Pfarrerinnen und Pfarrer immer noch nicht. Zumindest in der Anfangsphase des Berufs, im Vikariat und im Predigerseminar, muss darauf hingewiesen werden.

Nun sind wir durch 150 Jahre Geschichte hindurch geschritten. Das Fazit: Wir tun die Arbeit auf der damals gelegten Grundlage. Sie ist nicht einfach, manchmal mühsam, mit vielen Problemen und Fragen belastet, die es von Anfang an gab. Aber wir tun sie gern, denn sie ist notwendig und sinnvoll zum Schmuck der heiligen Orte.


Peter Poscharsky

 

Festvortrag beim Evangelischen Paramententag der Marienberger Vereinigung für evangelische Paramentik e.V. am 17.10.2008 im Luthersaal der Diakonie Neuendettelsau